Fundstück der 11. Kalenderwoche

(sw) Die deutsche Öffentlichkeit taumelt derzeit von einem alles bestimmenden Ereignis zum anderen. Sei es der riesen Aufschrei nach einem diskutablem Artikel der Linken-Parteichefin Lötzsch, der revolutionäre Aufstand in den Staaten zwischen Tunesien und Bahrain, die Affäre um Herrn „Googleberg“, der verherrende Bürgerkrieg in Libyen oder seit vergangener Woche die Natur- und Technikkatastrophe in Japan. Auch wenn die oft intensive Berichterstattung gar nicht das volle Ausmaß des Ereignisses fassen kann, fällt es der/dem Leser/in oder Zuschauer/in umso schwerer, abseits dieser Meldungen „Neues“ zu erfahren.
Umso interessanter dann,
wenn mensch gute Artikel lesen kann, die zum Nachdenken anregen. In der aktuellen Ausgabe der Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ schreibt Herr Fatheuer über „Das brasilianische Modell“. Dabei geht es zum einen um die klassische sozialdemokratische Verknüpfung von Wirtschaftsfreundlichkeit und Sozial- und Bildungsprogramme für ärmere Menschen. Mit der Wirtschaftsfreundlichkeit kommen aber auch Großprojekte – sei es die Anschaffung von Atom-U-Booten, um regionalen und globalen Ansprüche zu untermauern, die Planung von Megastaudämmen im Amazonas, um die Elektrifizierung des fünfgrößten Landes der Welt voranzutreiben oder gar der Bau von Atomkraftwerken.
Zum anderen aber auch um die brasilianische „green economy“, da 45 Prozent der Energie in Brasilien aus erneuerbaren Energien stammt (Weltdurchschnitt liegt bei etwa 13 Prozent). Ein großer Anteil stammt in Brasilien aus Ethanol, der auf Zuckerbasis hergestellt wird.
Doch wie Herr Dilger für die „sonntaz“ (12./13.03.) schreibt, arbeiten die Menschen unter teils sklavenartigen Verhältnissen und starker körperlicher Belastung. Zudem sind die riesigen Anbauflächen reine Monokulturen, welche immer mehr Fläche in Anspruch nehmen und zunehmend für den Export angebaut und produziert wird. Hier sei aber erwähnt, dass dem „brasilianischem Benzin“ schon mehr BioEthanol beigemischt wird, als das neuerdings in der BRD passiert – ohne so eine Stimmungsmache versteht sich.
Es ist also nicht alles grün, wo „Bio“ und „erneuerbar“ draufsteht.
Trotzdem zeigt der Schritt Brasiliens in welche Richtung die führenden Industriestaaten gehen sollten und vor allem auch (vorerst) ohne die „Brückentechnologie“ Atomkraft. Das allseits beliebte Argument der schwarz-gelben Koalition, dass die Wirtschaft noch nicht bereit sei und damit Kernkraftwerke (diese Wortneuschöpfung stammt übrigens vom S21-Schlichter Heiner Geißler) alternativlos seien, erinnert an den Spruch von Margaret Thatcher: „There is no Alternative!“ Dabei sollten wir aber bedenken: Wenn diese „Brücke“ nicht bald eingestampft wird, stampft sie uns ein!

Weiterführende Literatur:
SCHEER, Hermann 2010. Atomenergie: Brücke ins Nichts. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2010, 54. Jg, S. 55-65.
ROSENKRANZ, Gert 2008. Strahlende Lügen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2008, 52. Jg, S. 37-44. Auch online abrufbar unter: http://www.blaetter.de/archiv/autoren/gerd-rosenkranz, 16.03.11.
THE ECONOMIST September 4th 2010. Ethanol’s mid-life crisis, S. 49-50.

Kommentare

  1. Na, das Wort alternativlos gibt es aber nicht erst seit Heiner Geißler. Erinnert sei an die vielen Sozialreformen unter Schröder, die damals auch alle völlig "alternativlos" waren. Frau Merkel hat das Wort auch schon verwendet (http://de.wikipedia.org/wiki/Alternativlos).

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  2. Hallo Stefan,

    ich hab mich in der Klammer nicht auf das Wort "alternativlos" bezogen, sondern auf "Kernkraftwerke". Geißler hat noch in seiner Zeit als Bundesminister aus "Atomkraftwerk" "Kernkraftwerk" gemacht. Und das war ein ziemlich cleverer Schachzug aus meiner Sicht!

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