Bericht vom 3. Studentischen Soziologiekongress von der TU Berlin

(sw) Vom 06. bis 08.10. fand an der Technischen Universität Berlin der dritte stundentische Soziologiekongress mit fast 500 Teilnehmer_innen statt. Unter dem Thema „Komplexe neue Welt“ wurden zahlreiche Panels und Workshops organisiert, in denen Studierende ihre Arbeiten, Studien und Projekte vorstellen konnten.
Das am Samstag stattfindende Panel „Geschlecht und Sexualität“ war
besonders interessant, weil es einen krassen Gegensatz zur anschließenden Podiumsdiskussion darstellte, aber dazu später mehr.
Es fanden sich poststrukturalistische Ansätze von Judith Butler oder Michel Foucault ebenso wie diskurstheoretische Überlegungen in allen Arbeiten des Panels. Herausragend in diesem Panel war vor allem der Vortrag von Sophie Ruby. Die Soziologiestudierende aus Dresden stellte „Prostitution im feministischen Diskurs“ vor, wobei sie herausarbeitete, dass es nicht DEN Feminismus gebe, sondern eher von Feminismen geredet werden muss, um die verschiedenen Deutungsvorgaben und –angebote unterscheiden zu können. So zeigte sie dies an den drei Bezugspunkten zur Prostitution, Gesetzgebung, Beruf und patriarchiale Ordnung, auf. Der anschließende Vortrag beschäftigte sich mit „Theorie und Praxis in der Gleichstellungspolitik“. Dabei setzte sich Julia Wustmann kritisch mit gender mainstreaming auseinander und sprach mit Harold Garfinkel von einer „Omnirelevanz von Geschlecht“, welche unter zu Hilfe nahm von Judith Butlers Dekonstruktivismus betrachtet werden sollte. Sprich, wie können Strategien entwickelt werden, um die „sex-gender-Debatte“ real umzusetzen und stellte das Konzept eines anonymisierten Bewerbungsbogens zur Diskussion. Dabei soll der Bogen weder Alter noch Herkunft, Geschlecht oder Wohnort enthalten, um Diskriminierungen vorzubeugen. Sie wendete aber selbstkritisch ein, dass die Personalmanager_innen z. B. auch aus bestimmten ehrenamtlichen Engagements vieles lesen könnten. Hier müssen demnach auch strukturelle Änderungen erfolgen, damit nicht bestimmte Tätigkeiten mit „Weiblichkeit“ oder „Männlichkeit“ identifiziert werden.
Eine andere Position nahm Linus Westheuser ein, der anhand einer Mini-Studie männliche Hegemoniekonzepte darstellte. So nahm er die Unterhaltung vier männlicher Studierender auf während sie eine „Dating-Show“ schauten. Während einer mit dem männlichen Kandidaten mitfieberte distanzierte sich ein anderer Teilnehmer mit Bezug auf die sexistische und abwertende Grundhaltung dieser Sendung. Dabei versuchte er durch seine Sprache und Interaktionen mit den anderen eine Gegenposition einzunehmen. Dadurch, so Westheuser, traten die Teilnehmer der Studie in einen Diskurs um männliche Hegemoniekonzepte und einerseits bestätigten sie diese und andererseits versuchten sie zu verändern.

Schließlich ging es in der letzten Veranstaltung des Kongresses, einer Podiumsdiskussion zum Thema „Internet und Gesellschaft“, um Potentiale, die die Soziologie in diesem Feld noch habe. Dabei waren alle Podiumsteilnehmer (nur männl. Besetzung) sehr optimistisch und waren sich einig, dass es zu einer ubiquitären Digitalisierung der Gesellschaft komme. Die Innovationen, die das Internet beinhalte, seien noch gar nicht abzuschätzen, so z. B. der Berliner Pirat Martin Delius. Stephan Humer prophezeite der Soziologie sogar, wenn sie sich nicht endlich digitalisiere, dass sie zur Hilfswissenschaft degradiert werde. Auch Christoph Hess betonte, dass der Umgang mit dem Internet bald so selbstverständlich werde, wie der Zugang zu Wasser oder Elektrizität. Das aus dem Publikum der berechtigte Einwand kam, dass die genannten Positionen sehr europäisch-westlich und elitär seien, weil der Zugang zu Wasser für sehr viele nicht selbstverständlich sei, wurde zwar zugestimmt, aber auf die immer weitere Ausbreitung des Internets verwiesen. Allgemein kann gesagt werden, dass eher pessimistisch-kritische Ansichten im Publikum von Interesse waren, während ein Podiumsteilnehmer es auf die Floskel reduzierte: Werde sich explizit positiv zum Internet geäußert, werde prompt nach negativen Aspekten gefragt und umgekehrt und dies sei er leid.
Interessant war zum Schluss, dass der Moderator der Veranstaltung am Anfang erklärte, dass die Organisator_innen es bedauern, dass das Podium nur männlich besetzt sei, aber sie doch alle Anwesenden bitten würden, dies nicht zu thematisieren. Als doch Nachfragen kamen, worauf die männliche Dominanz zurückzuführen sei und was man daran ändern könnte, wurde von einem Teilnehmer gereizt geantwortet, dass ihn die gender-Debatte nerve und schließlich auch kein_e Migrant_in auf dem Podium sitze und da rege sich auch keine_r auf. Und ein weiterer stimmte mit ein, dass man doch endlich aufhören sollte, sich an solchen Kategorien abzuarbeiten und die Piratenpartei als Vorbild nehmen sollte, die schon in die „Post-Gender-Debatte“ eingetreten sei.
Das natürlich gerade aus einer männlichen Hegemonie heraus so argumentiert wird und dann ein Mann noch auf eine Kenianer_in verwies, die ganz aktiv sei und oft in der Presse gewesen sei, meinte nur eine Anwesende sarkastisch: „Na toll. Eine Frau und dann auch noch aus Afrika!“
Hätte mensch den Eindruck kriegen können, dass das Panel zu „Sexualität und Geschlecht“, welches sehr gut besucht war, eine Art Grundkonsens unter den jüngeren Soziolog_innen darstellte, dass sich damit intensiv auseinandergesetzt werden müsse, zeigte das Podium, dass einige die Debatte als überflüssig empfinden. Eine weitere Beschäftigung scheint so unumgänglich!

Resümierend kann gesagt werden, dass der Kongress von der Organisationarbeit her sehr gut war. Für veganes und vegetarisches Essen und Getränke wurde gesorgt und auch die Räumlichkeiten waren gut gewählt. Auch wurden die Themen aus einer eher kritischen und progressiven Perspektive betrachtet.
An diese scheinbare linke Hegemonie im studentischen Milieu muss angeknüpft werden, um Freiräume für solche Kongresse und Ansätze kritischer Wissenschaft im Studium zu schaffen oder zu erhalten. Dazu muss sich jedoch nicht nur mit sog. „post“-Theorien auseinandergesetzt werden, sondern auch (neo-)marxistische Theoretiker_innen herangezogen werden, wie z. B. A. Gramsci oder L. Althusser. Aber es darf auch nicht unterschätzt werden, was vor kurzem zwei Münchner Soziolgen herausfanden. Bei einer Befragung von Professor_innen der Soziologie in Deutschland kam Karl Marx nach Max Weber und Emilé Durkheim auf den dritten Platz der wichtigsten Theoretiker_innen der Soziologie. Das gibt doch Hoffnung!

Braun, Norman/Ganser, Stefan 2011. Fundamentale Erkenntnisse der Soziologie? In: Soziologie Jg. 40, H. 2, S. 151-174.
Bericht vom Kongress, sowie weitere Infos unter: http://www.soziologiekongress.de/

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