von Glaßer "Die Bundeswehr ist kein normaler Arbeitgeber!"

(sw/ag) Dies betonte Michael Schulze von Glaßer am vergangenen Mittwoch bei der dritten Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Hochschule – Politik – Gesellschaft“. Thema des Vortrags war diesmal „Die Eroberung der Schulen und Universitäten – Wie die Bundeswehr an Bildungsstätten wirbt“. Referent von Glaßer, welcher  im Beirat der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e. V. sitzt und als freier Journalist und Fotograf u. a. bei der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ tätig ist, begann zunächst mit einem Einstieg, warum die Bundeswehr überhaupt an Schulen und Universitäten aktiv ist. Aufgrund der zum 1. April dieses Jahres
ausgesetzten Wehrpflicht, ist der Nachwuchsbedarf bei den Streitkräften erheblich. Jährlich werden 5000 + X SoldatInnen benötigt. Freiwillig melden sich jedoch erheblich weniger, was die Bundeswehr vor massive Probleme stellt. Sie hat mit einer steigenden Unpopularität zu kämpfen, zu der auch z. B. der gescheiterte Kriegseinsatz in Afghanistan erheblich beiträgt. Laut einer Umfrage des sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr können sich über 55% der Jugendlichen nicht mehr vorstellen, zur Bundeswehr zu gehen - Tendenz steigend!
Mit massiven Werbestrategien wird versucht, dieses Problem zu kompensieren, wobei die Bundeswehr besonders die Schule für sich entdeckt hat.
In 8 Bundesländern gibt es bisher Kooperationsverträge zwischen Kultusministerium und Bundeswehr, in denen sich die Länder verpflichten, SoldatInnen für Unterrichtseinheiten an die Schule kommen zu lassen. Diese Stunden werden von Jugendoffizieren, die schon seit 1958 an Schulen im Einsatz sind, durchgeführt.
Diese sind, neben ihrer normalen Laufbahn als Offizier, auch noch speziell methodisch-didaktisch geschult. Um Jugendoffizier zu werden, muss mensch weiterhin ein „cooles“, jugendgerechtes Verhalten an den Tag legen und sollte schon Auslandserfahrungen mitbringen, aber trotzdem nicht „soldatisch“ wirken. Eine Strategie, um SchülerInnen auf sehr subtile Art zu beeinflussen und die Bundeswehr und ihre Angehörigen als attraktiv erscheinen zu lassen. Auch das Unterrichtsmaterial, welches teilweise von der FDP nahen „Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung“ e.V. produziert wird, ist seriös und ansprechend gestaltet, erst auf den zweiten Blick zeigt sich, wie einseitig globale Konflikte dargestellt und ihre militärische Lösung verherrlicht werden.
Eine weitere beliebte Werbestrategie ist das POL&IS (Politik und internationale Sicherheit) -Spiel, eine Art Simulation weltpolitischer Prozesse. Die TeilnehmerInnen schlüpfen in verschiedene Rollen, von Staatschefs, über Vertreter von NGO’s bis hin zur Presse und spielen über mehrere Tage hinweg, globale Abläufe nach. Ein Hintergrund dieses Spiels, so Glaßer, ist die Veränderung des gesellschaftlichen Status der SoldatInnen. Sie sollen nicht mehr als Bewaffnete in Kampfmontur und Kriegsgerät auftreten und gesehen werden, sondern als notwendige VermittlerInnen, um Sicherheit und Frieden zu gewährleisten. Aber auch die Notwendigkeit von Armeen und militärischen Aktionen soll verdeutlicht werden, in dem die Jugendoffiziere, die den Ablauf des Spiels begleiten, immer wieder eingreifen und Konflikte provozieren, die nur gewaltsam gelöst werden können.
Weiterhin gibt die Bundeswehr jedes Jahr immens viel Geld aus, um in Schülerzeitungen und anderen Medien, die speziell auf SchülerInnen, aber auch Studierende zugeschnitten sind, zu werben. In bekannten Magazinen, wie der BRAVO, der größten Schülerzeitung SPIESSER und der ZEIT Campus werden große Anzeigen geschaltet oder einseitig positiv darstellende Reportagen veröffentlicht. Es gibt sogar eine eigene Jugendpressekonferenz, zu die die Bundeswehr Nachwuchsjournalisten einlädt, damit dort mit Angehörigen der Bundeswehr Interviews gemacht werden. Angeblich um die Kompetenz der jungen SchreiberInnen zu fördern, eher aber, um wieder unterschwellig Werbung für die Bundeswehr und ihre Kriege zu machen. Auftritte bei Volksfesten und das Sponsoring von z.B. Fußball-Tunieren, wie der U21- Schul-Liga komplettieren die Werbestrategie, welche im Unterricht anfängt und sich auch in die Freizeit der Jugendlichen hineinzieht.
Hier setzt auch die Kritik an, die von Glaßer zum Abschluss seines Vortrages formulierte.
Wenn SoldatInnen in die Schule kommen, um für den Krieg zu werben, entfällt das Einspruchrecht der Eltern. Sie können sich nicht gegen den Unterricht wehren, da die Lehrenden die Jugendoffiziere im Rahmen ihres Unterrichts einladen und die Eltern somit keine Handhabe dagegen haben. Für SchülerInnen besteht auch eine Anwesenheitspflicht, da die Stunde mit der Bundeswehr als ganz „normale“ Stunde gesehen wird. Die Jugendlichen müssen also am Werbeauftritt der Jugendoffiziere teilnehmen.
Hier wird eigentlich klar gegen den „Beutelsbacher Konsens“ von 1976 verstoßen. Dieser legt fest, dass Themen die in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden müssen. Die Jugendoffiziere sind jedoch keine zivilen Pädagogen, so Glaßer, sondern Menschen, die das Kriegshandwerk erlernt haben. Friedliche Konfliktlösungsstrategien werden nicht dargestellt, es wird nur eine Seite beleuchtet.
Auch dürfen SchülerInnen durch den Stoff nicht überwältigt werden, es muss ihnen Zeit gegeben werden, sich eine eigene, kritische Meinung zu einem Thema zu bilden. Auch dafür bleibt in den Unterrichtseinheiten der Bundeswehr keine Zeit. Jugendoffiziere sind nur für eine Stunde in der Klasse. In dieser Stunde müssen sie es schaffen, Akzeptanz für die Bundeswehr zu erreichen und diese als Arbeitgeber attraktiv zu machen. Für kritische Nachfragen und Diskussionen, ja auch die Darstellung der gefährlichen Seite im Leben eines Soldaten oder einer Soldatin ist kein Raum.
Die anschließende Diskussion an den Vortrag drehte sich vor allem um die Einhaltung dieses Konsens und die Rolle der LehrerInnen darin. Sie müssen bereit seien, den Auftritt der Jugendoffiziere kritisch zu begleiten, jedoch fehlt es hier noch an konkreten Strategien und Handreichungen, die aber natürlich von Bundesregierung weder vorgesehen und noch gewollt sind. Als positiven Aspekt lässt sich jedoch nennen, dass bereits vier Schulen beschlossen haben, die Bundeswehr aus ihren Schulen komplett rauszuhalten und auch in Baden-Württemberg der Kooperationsvertrag zwischen Kultusministerium und Bundeswehr bald der Vergangenheit angehören könnte.
Wichtig ist, die Problematik immer wieder in der Öffentlichkeit zu thematisieren  und auf die subtile Werbung der Bundeswehr bei Kindern und Jugendlichen aufmerksam zu machen. Denn die Bundeswehr ist, wie von Glaßer am Ende des Abends nochmals betonte, nun mal kein normaler Arbeitgeber und es sei wichtig, dies auch immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Hilfreiche Links:
www.schulze-von-glaßer.eu
www.bundeswehr-wegtreten.de
www.kehrt-marsch.de
www.bundeswehr-monitoring.de
www.imi-online.de
www.dfg-vk.de

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