Fundstück der 41. Kalenderwoche

(cr) Im Fundstück der letzten Woche (vom 27.10) wurde der allgemeine Wohnungsnotstand in Halle, aber auch anderenorts in der gesamten Republik thematisiert. Beim studentischen Wohnen ergibt sich für Halle sowie den meisten Universitätsstädten wie Marburg, Göttingen oder Hamburg gleichzeitig eine nicht zu verachtende und kritisch zu sehende Problemstellung des Werbens von Studentenverbindungen um neue „Köpfe“. Durch ihre Angebote von billigem Wohnraum, in manchen Fällen inklusive eigenen Reinigungspersonals, scheinen sie eine scheinbare Alternative v.a. für Erstsemesterstudierende darzustellen. Das sind sie aber nicht!

Uns sind mehrere Fälle bekannt geworden, wo zumeist nichts-ahnende Neustudierende zu Zimmerbesichtigungen „auf das Haus“ kamen und einige davon auch einen Mietvertrag unterschrieben haben. Das Phänomen des Wohnens auf dem Haus einer Studentenverbindung, als Nicht-Mitglied der Korporation oder als sog. Fuchs (einem Anwärter auf die Vollmitgliedschaft in einer Studentenverbindung, der sich „erst noch beweisen muss“), ist demgegenüber nicht so eng mit der korporatistischen Traditionspflege verbunden wie mensch annehmen könnte. Gemeinhin wurde das Verbindungshaus bis in die 1930er Jahre für die Kneipe und die Mensur benutzt, während die höher gestellten Funktionsträger, wie der Fuchsmajor (Leitperson der Füchse mit Erziehungsfunktion) auf dem Haus wohnten. Dabei war nicht vorgesehen, alle Mitglieder der Studentenverbindungen auf dem Haus selbst wohnen zu lassen. Vielmehr liegen die Wurzeln des gemeinsamen Wohnens in einer Anordnung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (kurz: NSDStB), welche die Korporationen nach der alles in allem einvernehmlich vonstatten gegangenen Gleichschaltung 1935/6 ohne weitere Reflektion übernahmen und dies bis heute noch tun. Dem NSDStB ging es unter Baldur von Schirach, dem späteren „Reichsjugendführer“, darum die Neustudierenden so schnell und zeitig wie möglich zu „kasernieren“, sie somit einer permanenten Kontrolle auszusetzen und in einem noch engeren Abhängigkeitsverhältnis zu binden. Zu beobachten ist bei einigen Studentenverbindungen, wie an das eigentliche Haus neue Wohntrakte zu dieser Zeit angebaut wurden, um eben jene „Kasernierung“ zu vollziehen.

In Halle werben die Studentenverbindungen mehr verdeckt als offen mit ihrem billigen Wohnraum, inklusive Gemeinschaftsgefühl, kollektiven Besäufnissen und schmerzhaften Fechtkämpfen. Auf Portalen wie "wg-gesucht" ist der einzige Anhaltspunkt eine auf den ersten Blick unscheinbare Webadresse, ohne dass die Verbindungen in den meisten Fällen explizit auf ihren Charakter als Korporation aufmerksam machen würden. Bei der Besichtigung der Wohnung erleben die meisten Studierenden dann eine skurrile Situation aus Männerbund, zumeist Mobiliar aus dem 19.Jahrhundert samt Schwertern und Fahnen an den Wänden sowie das ungute Gefühl, hier „falsch verbunden“ zu sein. Dies ist aber nicht immer der Fall: so kann es auch passieren, dass Neustudierende ohne ihr eigenes Wissen über die Gefahren und die berechtigte Kritik am Verbindungsleben sich schnell als Mitglied auf Probe in der Gemeinschaft wieder finden. Die „Fuchsenjagd“ hält die Männerbünde und anschließenden Seilschaften, den Sexismus und Autoritarismus innerhalb und auch außerhalb der Korporation am Leben.

Gerade deshalb ist das Werben der Studentenverbindungen am Anfang des Semesters so gefährlich, ist es doch mehr als notwendig auch in Halle mit seiner langen Universitätsgeschichte Aufklärung zu betreiben und Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu üben. Wir können nur jedem (in seltenen Fällen auch jeder) raten, der/die in einen Mietvertrag bei einer Studentenverbindung eingewilligt hat diesen zu kündigen! Auch wenn die Wohnungssituation in Halle derzeit katastrophal ist, finden wir zusammen sicherlich eine Lösung.

http://www.mz-web.de/servlet/ContentSer ... 8335615016
http://halle.radiocorax.de/index.php?id=411

Stephan Peters. Elite sein. Wie und für welche Gesellschaft sozialisiert eine studentische Verbindung? Tektum Verlag. Marburg. 2004.

Diethrich Heither. Verbündete Männer: Die Deutsche Burschenschaft - Weltanschauung, Politik und Brauchtum. PapyRossa Verlag. Köln. 2000.

Krebs, Kronauer. Studentenverbindungen in Deutschland. Ein kritischer Überblick aus antifaschistischer Sicht. Unrast-Verlag. Münster. 2010.

Elm, Heither, Schäfer. Füxe, Burschen, Alte Herren - Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. PapyRossa Verlag. Köln 1992

Alexandra Kurth. Männer - Bünde - Rituale. Studentenverbindungen seit 1800. Campus Verlag. Frankfurt. 2004.

Kommentare

  1. Verbohrtes Dogma in Kombination mit falschen Fakten. Bravo!

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  2. Dass ich nach 7 Semestern auf unserem Haus Veranstaltungen organisieren und leiten durfte, Füxen beim Einstieg ins Studium helfen konnte und viele Studenten von anderen Hochschulorten kennengelernt habe und sehr anregende Gespräche mit Alten Herren, Akademikern von teilweise mehr als 80 Jahren führen konnte, sind Chancen, die mir sonst kaum geboten würden. Wohl das sinnvollste, was ich in meinem (ansonsten recht durchschnitts-studentischem) Leben bisher gemacht habe, war hier einzuziehen.

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  3. Von ihrer Hatz lasse ich mich nicht beirren, die zukünftigen Füxe und mein Zukunfts-Ich werden es mir danken!

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  4. Zur geschichtlichen Frage des Wohnens auf dem Haus:

    Der in diesem Artikel gemachte Versuch, heutiges "Wohnen auf dem Haus" mit den Kameradschaftshäusern der nationalsozialistischen Zeit gleichzustellen ist wissenschaftlich gesehen blanker Unsinn.

    So kann ich bereits aus dem Jahre 1901 Quellenmaterial vorweisen, in der die Frage von Studentenzimmern auf dem Haus thematisiert wurde. Dass bis 1918 die Zahl der tatsächlich in Verbindungshäusern wohnenden Studenten anteilig gesehen eher gering war, lag am (Über-)Angebot billiger Privatzimmer. Mit den steigenden Studentenzahlen im 20. Jahrhundert verändert sich aber das Verhältnis langsam und kontinuierlich, ohne das es “nationalsozialischer Effekte” bedurfte.

    Zum anderen unterscheidet sich die Idee des Kameradschaftshauses essentiell vom “typischen Studentenzimmer”. Richtig ist, dass es ab 1933 bei der Einrichtung von Kameradschaftshäusern im Wesentlichen um eine “Kasernierung” ging (wenn auch bis zur Zerschlagung des freiwilligen Verbindungswesens 1935 eine um eine freiwillige). Mit einer derartigen Kasernierung ging aber auch immer einher, dass sich (eben wie in einer Kaserne) je nach Größe des Zimmers rund sechs bis acht Bewohner ein Zimmer zu teilen hatten – incl. Schlafen im Hochstockbett und dem Spind als einzigem Schank für Persönliches.

    Das “Wohnen auf dem Haus” dem Kameradschaftshaus der nationalsozialistischen Zeit gleich zu setzen ist folglich nicht weniger als eine Geschichtsverfälschung.

    Ulrich Witt, Göttingen

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  5. Diesen ganzen Käse habe ich schon vor über 10 Jahren gehört- da hat sich wirklich nichts geändert. Wen interessiert denn überhaupt, ob Lieschen Müller nun auf ein Verbindungshaus zieht oder nicht. Die meisten Studenten von heute wissen nicht mal, was die deutsche Einheit ist! Es ist aber schön zu sehen, dass sich im linken Sumpf der Uni nichts verändert hat- das ist doch auch mal was...

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