„Wir danken für ihr Verständnis!“ oder wer braucht schon das Juridicum?

Die Diskussionen in den üblichen verdächtigen Sozialen Netzwerken werden mal mehr, mal weniger sachlich – mal mehr, mal weniger „emotional“ geführt. Fakt ist eins: Ab diesem Montag ist es für Nicht-JuristInnen dahingehend verboten, die Zweigbibliothek des Juridicum zu benutzen. Ein diesbezügliches Statement der Universität findet sich bspw. bei den Ankündigungen der Stud.IP-Startseite:
Am Montag beginnt die vorlesungsfreie Zeit. Für viele Studierende heißt das: Hausarbeiten-Zeit. So viele Studenten wie nie zuvor werden dafür in diesem Semester voraussichtlich die Bibliotheken der MLU nutzen. Zu Stoßzeiten könnte es dort knapp werden.

Vom 6. Februar bis 6. April stellt die Universität deshalb im Melanchthonianum und im Löwengebäude zusätzliche Lernräume zur Verfügung. (Siehe aktuelle Aushänge!)

Für das Juridicum gilt ab Montag, 6. Februar, zudem folgende Sonderregelung: Um Jura-Studierenden Zugang zu Präsenzliteratur gewähren zu können, werden die Arbeitsplätze im Juridicum in der vorlesungsfreien Zeit nur Studierenden zur Verfügung stehen, die im Juristischen Bereich eingeschrieben sind. Studenten anderer Fachrichtungen werden gebeten, die zusätzlichen Lernräume, die Universitäts- und Landesbibliothek sowie facheigene Bibliotheken zu nutzen. Eine Übersicht der Lernräume am Universitätsplatz gibt es ab 6. Februar auf Stud.IP sowie vor Ort im Eingangsbereich des Juridicums.

In unmittelbarer Nähe des Juridicums befinden sich die folgenden Bibliotheken: ULB, Zweigbibliotheken.

Wir danken für Ihr Verständnis!

Dafür haben wir kein Verständnis! Natürlich sollen die neuen umfunktionierten Lehrräume im MEL und Löw für die vorlesungsfreie Zeit, welche am Anfang der Mitteilung erwähnt werden, nicht unter den Tisch fallen gelassen werden. Sie bieten vermutlich im gleichen Ausmaße die benötigte Literatur, sowie genügend Steckdosen für ein adäquates Arbeiten an Hausarbeiten, Essays oder Hausklausuren. Der selektive Zugang zum Juridicum, die Unterscheidung zwischen JuristInnen und Nicht-JuristInnen durch die Universitätsbibliothek und –leitung ist bei der derzeitigen Situation an der MLU symptomatisch für die Gesamtsituation: volle Hörsäle, Seminarräume und Bibliotheken werden eben auch nicht in der vorlesungsfreien Zeit weniger.

Dabei sind eben nicht die sog. „Fremdfächler“ im Juridicum das Problem, sondern die strukturellen Defizite an der MLU Halle: während die erziehungswissenschaftliche Bibliothek, das Juridicum und die allermeisten Zweigbibliotheken am Weinberg Standards der 2000er Jahre entsprechen und für Studierende adäquate, lange Öffnungszeiten aufweisen, entsprechen die Ausstattung und Einrichtung der verbliebenen Zweigbibliotheken (bspw. seien hier die Sozialwissenschaften oder die Psychologie genannt, welche mehrere Tage in der letzten Woche wegen einem Heizungsausfall geschlossen bleiben musste) in keiner Weise mehr den Anforderungen an eine wie auch immer geartete Arbeits- und Lernatmosphäre für Studierende. Der 2014 fertig gestellt „Steintor-Campus“ (oder auch GSZ genannt) wird den Studierenden der kommenden zwei Jahre wohl ein schwacher Trost für die jetzigen miserablen Studienbedingungen sein.

Somit ergibt es sich nun einmal, dass die Studierende jene Räumlichkeiten aufsuchen, welche in irgendeiner Weise dafür geeignet sind, gute Studienergebnisse zu erzielen. Das Ganze ist gar nicht so einfach bei einer Gesamtstudienzahl von über 20.000 und der Jahr für Jahr steigenden Überlast in den allermeisten Studiengängen. In diesem Zusammenhang muss auch das jetzige Prozedere im Juridicum gesehen werden, was sich nicht nur auf die Studierbarkeit und das Schreiben von Hausarbeiten in Jura bezieht. Vielmehr ist dabei der Fokus der Universität auf die sog. „exzellenten“ Fächer von Jura und Wirtschaftswissenschaften, sowie den Naturwissenschaften am Campus Weinberg und Heide-Süd zu erkennen. Nur bei den weiteren Fächern der Geistes- und Sozialwissenschaften, sowie auch in Teilbereichen der Medizin (Teilprivatisierung der Universitätskliniken) werden ebenfalls im Rahmen der Begehung des Wissenschaftsrates und der Profildiskussion Einsparpotenziale ausgelotet werden. Ein zumindestens auf den ersten Blick sehr einseitiges Unterfangen, wie wir finden.

Die Universitätsleitung tut es sich mit der jetzigen Regelung sehr einfach und wälzt ihre genuine Verantwortung gegenüber „ihren“ Studierenden einfach auf diese ab. Im Endeffekt werden wir gegeneinander ausgespielt, obwohl es die Versäumnisse der Universitätsleitung sind, welche die Ungerechtigkeiten sowie ein noch weiteres Zurückdrängen von Solidaritätsmustern unter den Studierenden forcieren werden. Kommt der tägliche „Verwertungszwang“ im BA-/MA-System noch nicht genug zum Tragen, werden sich die Konflikte um die immer knapper werdenden Ressourcen für Studierende an der MLU Halle noch weiter verschärfen . Am Ende muss (leider) eine Aussage in den Sozialen Netzwerken eines Mit-Studierenden symptomatisch für diesen Prozess stehen:

„ich finds einfach unfair, ich brauch bücher dort und bin nun die/der dumme....hoffentlich machen alle anderen Bibos das mit den juristen auch!“

Kommentare

  1. Zur psychologischen Bib: Seit mind. 2005 geschieht jeden Winter das Gleiche: Bei tiefsten Minus-Temparaturen fällt die Heizung dort aus, die Bib wird geschlossen (was ja nur folgerichtig ist!!) und eine Bücherausleihe ist nur sehr eingeschränkt möglich (von sonstigen kaum zumutbaren Zuständen in dem ganzen Gebäude abgesehen). eine ähnliche Situation bei Jura, WiWi oder den MINT-Fächern ist kaum vorstellbar.
    Aber offenbar ist das allen Akteuren an der Uni ...egal.

    Grüße

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  2. was auch unter den tisch fällt: ab 20:00 ist das Juridicum weiterhin für alle Studiengänge offen...
    vielleicht einfach die nächte nutzen.

    grüße von der Nachtschicht

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