Redebeitrag zum Anti-AfD-Protest am Kyffhäuser 02.09.17

Liebe Mitdemonstrant*innen,


wir sind hier am Kyffhäuser-Denkmal bzw. in dessen Nähe und denken, dass es sinnvoll, wäre auch mal darauf einzugehen, warum das hier sein muss. Wir haben uns das natürlich nicht ausgesucht, vielmehr gibt der politische Gegner, die Faschist*innen von der AfD, den Ort vor.

Dieser Ort wurde aus rechter Perspektive völlig zurecht ausgesucht. Hier gibt es ein paar Steine und den Mythos um den alten Kaiser Barbarossa, der den Namen eigentlich gar nicht verdient hat. Denn natürlich findet man die Geschichte, dass der Kaiser schläft und irgendwann irgendwas vor irgendwem erretten wird, nicht nur bei Wikipedia, sondern auch in viel zu vielen Geschichts-, Mythen- und Unterhaltungsbüchern. Trotzdem ist diese extrem inhaltsleere Erzählung nicht wirklich vielen Menschen in Deutschland bekannt, als dass es schon rein empirisch gerechtfertigt werden, von einem “nationalen Mythos” zu sprechen.

Tatsächlich waren es schon immer nationalistische, rechtsextreme Kräfte, die sich diesen Hügel ausgesucht hatten, um ihre Propaganda zu verbreiten. Im Kaiserreich baute man noch ein Denkmal, welches heute als „nationales“ und als vermeintliches „Kulturgut“ gilt, um den nächsten Krieg, Massenmord und die Unterdrückung der Anti-nationalen, angeblichen Fremden, Feinden und Abweichler*innen zu rechtfertigen. Heute, nachdem Deutschland doch irgendwie zur Demokratie wurde und die Staatschefs zwar immer noch nationalistische Politik betreiben, aber von rechts dafür attackiert werden, nutzen die neuen Faschist*innen das wirklich gedankenlose Denkmal dafür, ihre höheren metaphysischen Mächte zu beschwören, um ihnen irgendein nie dagewesenes, volksgemeinschaftliches Deutschland mit reinem Blute zurückzubringen.




Wir stellen also fest: Dieser leblose Haufen Stein, der heute unser Protestort ist, hat keinerlei Wert für irgendwas, was Menschen vernünftig wollen könnten. Und auch wenn die Mehrheit es immer noch nicht als faschistischen Fluchtpunkt sieht, ignoriert sie diesen Fakt doch. Vielmehr stellen sich auch bürgerliche und demokratische Kräfte hin und konstatieren, der Erhalt dieses Drecks hätte irgendeinen Nutzen. Ähnliches findet sich auch bei anderen Diskussionen: Wenn der Antisemit Ernst Moritz Arndt nicht mehr Namenspatron einer Universität bleiben soll, rasten nicht nur Rechte, die ihn ähnlich wie das Kyffhäuser-Denkmal mythologisieren und zum Kampfsymbol für ihre menschenverachtende Sache machen, aus, sondern auch gute Demokrat*innen von sozialdemokratischer oder konservativer Seite: Dann heißt es, das könne man doch nicht machen, was ist denn mit den Verdiensten von Arndt, dem Kaiserreich und so weiter und so fort. Und das sei ja Geschichtsklitterung.

Wir fragen: Warum sind Straßen, Universitäten, ganze Hügel nach Menschenfeind*innen benannt bzw. ihnen gewidmet? Warum müssen Arndt oder auch Martin Luther, die Antisemiten, irgendwelche Universitäten geweiht bekommen? Wo ist der Sinn? Es gibt keinen. Zumindest keinen im Sinne von Fortschritt, Freiheit oder Solidarität. Diese Symbolpolitik dient allen Menschen, die Deutschland gerne treu dienen, dazu, ihren Dienst zu rechtfertigen. Egal ob sie glauben, wie der Flügel der AfD, dass das Ganze nur mit einem faschistischen Putsch zu machen wäre. Oder ob sie „ihr Land“ einfach nur durchregieren wie die CDU: Sie dienen nur dazu, der deutschen Nation eine Geschichte zu verleihen, einen Zusammenhalt zu suggerieren, wo keiner ist und ein politisches Programm zu propagieren, was keinem Menschen ein besseres Leben bringt. Sie drücken in ihrer unkritischen Weihung nichts Gutes oder Schönes aus und nicht einmal irgendetwas Bildendes, sondern nur, dass man mit dem vergangenen Elend einfach nicht brechen will.

Deshalb ist dafür zu plädieren, damit endgültig aufzuräumen. Auch wenn man es mit der Symbolpolitik wahrlich nicht so übertreiben sollte wie die politische Rechte, ist es an der Zeit, auf ihrem Terrain zu kämpfen. Diese historischen Bauten, Benennungen und Ehrenmäler, die nur Zeugnis über Hass und Unterdrückung ablegen, gehören der Vergangenheit an und sollten auch dahin verbannt werden. Es führt also kaum ein Weg daran vorbei: Heute protestieren wir noch am Kyffhäuser, morgen sollte er endlich gesprengt werden!

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